IN 113 TAGEN UM DIE WELT
Reisebericht
Mit 935km/h rase ich in 10km höhe über Indien. Ich
bin auf dem Nachhauseweg von meiner vier mona-
tigen Reise. V on hier Oben, sieht alles so klein und
formbar aus. Wolken schaffen blinde Flecken und
ich versuche mir mithilfe der digitalen Flugvor-
schau, ein Bild der Welt zusammen zu setzten. Mir
gelingt höchstens eine bruchstückartige Momen-
taufnahme. Die Welt verändert sich rasend schnell,
ist so gross das wir immer nur Ausschnitte sehen
können und sie ist komplex. So unglaublich kom-
plex. Aber trotzdem möchte ich sie so gerne verste-
hen!
Auf meiner Reise durchquerte ich Kanada einmal
von der Ost- zur Westküste und fuhr mit dem Zug
einmal durch praktisch ganz China und halb Viet-
nam. In den unterschiedlichsten Konstellationen.
Einmal kurz alleine und sonst immer in Begleitung
von wundertollen Menschen.
Jetzt platzt mir fast der Kopf. So viele Eindrücke, so
viel Neues, so viel unverdautes. Deswegen greife
ich jetzt zum Stift, im Versuch meine Gedanken zu
ordnen. Dieser Text wird also eine Art Reisebericht.
Quasi mein Polarsteps in grosser Retroperspektive.
Hauptsächlich für mich und falls ihr Lust habt, auch
ein bisschen für euch.
Privilegierter "Weltenversteher"
In meiner zweiten Woche in China spricht mich im
Schnellzug eine junge Frau an. Sie fragt mich in ge-
brochenem Englisch, ob wir zusammen ein Foto
machen können. Sie scheint mir etwas jünger als
ich zu sein, hat streng zusammengebundenes glattes
Haar und ist gut gekleidet. Nach dem Selfie bedankt
sie sich und sagt beiläufig, dass ich der erste Aus-
länder sei, den sie in ihrem Leben sehe. Sie geht
weg und mich drückt es zurück in den Sitz.
Wir wurden in China häufig um Fotos gebeten.
Doch diese Begegnung blieb mir besonders. Chine-
sinnen und Chinesen sprechen äusserst selten Eng-
lich und schnellzugfahren kann sich längst nicht je-
der leisten. Für lokale Verhältnisse, war das alo eine
eher privilegiertere junge Frau. Privilegiert in der
zweitgrössten V olkswirtschaft der Welt. Einem
Land das global, fast überall seine Finger im Spiel
hat. Und sie kennt nichts ausserhalb ihrer Landes-
grenzen. Das erzählt sie mir auf meiner Reise um
den Globus.
In meinen Kreisen herrscht der Konsens, das man
reisen muss wenn man jung ist. Die Welt kennenler-
nen soll und das mache ich mit vergnügen! Doch
brauchen wir das wirklich? Oder wollen wir das vor
allem Glauben um unser durch die Welt jetten zu
rechtfertigen?
In einem kleinen abgelegenen Dorf in Nordvietnam
begegneten wir Ha, Einer Frohnatur und hardcore
Powerfrau. Sie produziert Leine von der Pflanze bis
zum gefärbten Stoff, komplett autark und rein mit
Körperkraft. Ihre Arbeit ist eine Bereicherung für
das ganze Dorf, die umliegende Natur und für uns,
die ihr fleissig Souvenirs abgekauft haben. Sie ging
nie zur Schule und war noch nie auf Reisen. Den-
noch ist sie zweifelsfrei eine Weltenverbesserin!
Nur schon durch ihre aufrichtige Art aber auch dar-
über hinaus. Ohne wie ich in V orlesungen zum Kli-
mawandel gesessen zu haben, ist ihr ökologischer
Fussabdruck ein Bruchteil des meinen. Sie hilft di-
rekt den Menschen in ihrem Dorf und unterstützt
keine ausbäutende Grosskonzerne. Ist sie der Be-
weis dafür, dass reisen überbewertet ist?
Ich glaube sie beweist, das man im Einklang mit der
Welt stehen kann ohne sie vollständig verstehen zu
müssen. Ihre persönliche verhältnismässig kleine
Welt kennt sie allerdings ganz gut. Das muss sie
auch, um sie nicht aus dem Gleichgewicht zu brin-
gen und damit ihre Ernährungsgrundlage zu si-
chern.
Im Gegensatz zu ihr ist meine Welt globalisiert.
Mein Kaffe kommt aus Kolumbien, meine Jacke ist
Made in Vietnam und die Schweiz agiert in demo-
kratischem Auftrag Weltweit. Wenn ich daran Den-
ke, wie wir global an so manchen Problemen zu
scheitern scheinen, ich denke schon wieder an den
Klimawandel, motiviert mich ihre Geschichte fast,
auch in eine autarke Hütte im nirgendwo zu ziehen.
Doch dann denke ich daran, wie ich von überall auf
meiner Reise meine Familie anrufen konnte und all-
gemein daran, wie viel tolles die Globalisierung
auch bringt. Ich will dieser Welt bei längerem dar-
über Nachdenken, also doch nicht den Rücken keh-
ren. Lasst uns lieber einen Weg finden wie wir sie
zu einem besseren Ort mit weniger Schattenseiten
machen können.
Vielleicht deicht es ja, wenn jeder einfach seine
kleine Welt versteht und wir der enormen globalen
Komplexität gemeinsam begegnen können. Da hilft
die ein oder andere Reise bestimmt beim erweitern
des Horizontes aber ohne Dialog, knacken wir die
grossen Rätsel nicht.
Bildungsweg?? Eine Schattenseite
Geht es beim Reisen also darum den eigenen Hori-
zont zu erweitern? Darum neuen kennen zu lernen?
Ganz mit diesem V orsatz besuchten wir Pingyao,
eine chinesische Altstadt deren Struktur vor über
500 Jahren angelegt wurde. Die Strassen waren ge-
pflastert, die Dachvorsprünge reich verziehrt und
immer wieder inszenierten sich mächtige Tempel-
bauten im Stadtdickicht.
Doch die Atmosphäre die uns begegnete stand im
harten Kontrast zu dem Gebauten. V or allem am
Abend, fühlen wir uns eher wie im Vergnügungs-
park als in einer antiken Stadt. Überall zierten neon-
farbige Lichterketten die Gebäude, Plastikblumen
schmückten Eingänge und die unzähligen hellen,
lauten und sterilen Läden buhlten um Aufmerksam-
keit.
Die Stadt wurde 1997 von Unesco in die Liste des
Weltkulturerbes aufgenommen. Seither stiegen die
Besucherzahlen und die Einwohnenden wurden
verdrängt. Damals lebten 45'000 Menschen in den
Stadtmauern, heute sind es noch 10'000.
Mit unserem kollektiven Bedürfniss nach Spekta-
kulärem, Neuen und Schönen stossen wir Prozesse
an, welche die Kraft haben Orte zu entweihen. Ich
bin nicht Religiös aber dieses Wort finde ich pas-
send. Was von Pingyao übrig blieb ist ein Schatten
dessen, was wir gerne gesehen hätten. Wir waren
enttäuscht und wir waren Teil des Problems.
Spätestens ab diesem Stop war das Thema Authen-
tizität omnipräsent. Denn um Heineken in einem
Biergarten zu trinken (diese Option gab es nämlich
immer wieder) muss ich nicht so weit Reisen.
Doch den Anspruch zu stellen, als einziger Reisen-
der in einer untouristischen Welt unterwegs zu sein,
ist auch utopisch. In Luzern gehört der Tourismus
für mich auch zur Identität der Stadt. Genau so wie
in Vancouver, Shanghai und vielen anderen meiner
Stops. Im Gegensatz zu Pingyao, haben diese je-
doch ein ganz anders Mass an Tourismus.
Irgendwie scheint es also eine Frage des Verhältnis-
ses zu sein. Eines das umbedingt aktiv gesteuert
werden muss, bevor es wie in Pingyao zu spät ist.
Authentizität oder Irgendwie noch mehr Schat-
tenseiten
Das für mich die Autentizitätsthematik erst in China
so einen hohen Stellenwert erhalten hat, ist glaube
ich kein Zufall. Ich spreche Englisch und falle op-
tisch in der Kanadischen Befölkerung nicht auf. In
Kanada war ich spielend leicht mitten drin. Dazu
kahm, dass die Kaufkraft von Touris nicht viel grös-
ser als die der lokalen Bevölkerung ist. Die Restau-
rants und Kaffes bedienten dadurch bunt gemischt
alle möglichen Menschen.
In China war das unauffällige in der Masse unter-
tauchen dann nicht mehr so leicht. Im Verhältnis zur
Lokal Bevölkerung gibt es wenig Ausländer. Im-
merhin war für uns der inländische Tourismus et-
was neues und Internates.
In Vietnam kam dann an jeder touristischen Ecke
ein Matcha Laden und ein Vegirestaurant dazu. Ich
mag beides, auch ohne kulturelle Verwurzelung,
und die richtig einheimischen Lokale läuten bei mir
alle möglichen Lebensmittelvergiftung-salarmglo-
cken. Auch wenn wir es uns in den teureren Tourilä-
den richtig gut gehen liesen, benötigten wir in Viet-
nam mit Übernachtung, Essen ect. keine 30CHF
pro Tag. Damit kann ich in Zürich nicht einmal mei-
ne Miete Zahlen und ein Vietnamese mit Durch-
schnittslohn muss dafür drei Tage arbeiten. Bei so
einem Kräfteverhältnis haben die Bedürfnisse von
Touristen ein viel stärkeres Gewicht als die der Lo-
cals.
Ich möchte meine Reise durch Vietnam auf keinen
fall schlecht reden. Es ist auch richtig toll, wenn
man sich kaum sorgen um Geld machen muss. Aus-
serdem gibt es ja noch das Argument, dass der Tou-
rismus die Vietnamesische Wirtschaft fördert und
ganz direkt Menschen eine Perspektive ermöglicht.
Die Debatte darüber, das bei einem solchen Macht-
gefälle, ohne staatlicher Regulation, der Tourismus
schnelle auch verdrängt, erreichte mich jedoch erst
vor Ort und nur in unserer Gruppe.
Als Touristen sind wir Gäste in einem fremden
Land. Doch scheinbar gilt einfach überall, wer Geld
und Macht hat ist König. Wo müssen wir uns für das
Kräfteverhältniss rechtfertigen? Wo wird nach un-
serem Respekt gegenüber den Ausgenutzten, Ver-
drängten und Unterdrückten gefragt? Wer steht für
sie ein und wo sind sie überhaupt?! Überall wird
immer nur verkauft, inszeniert und auf heile Welt
gemacht. Haben wir uns einfach kollektiv damit ab-
gefunden, das es halt so funktioniert? Oder das wir
den Wohlstand und das Geld sogar mehr verdienen?
Dazu eine Geschichte:
Romina und ich suchten spät am Abend in Lhasa,
der grössten Stadt im Tibet, hungrig ein Restaurant.
Wir waren den ganzen Tag in wunderschön heraus-
geputzten Klöstern und wusligen Altstadtquartieren
unterwegs. Ein sorgenloser, spannender Tag und
jetzt waren wir erschöpft und hungrig. Ein schönes
Restaurant war zu voll, ein anderes sah etwas unhy-
gienisch aus und im nächsten hatte es nichts auf das
wir Lust hatten.Plötzlich wurde meine Hand von
kleinen Kinderfingern umschlossen. Ich schaute
nach unten, wo ein höchstens vier jähriges Mäd-
chen an meinem Arm zog. Sie war schmutzig, hatte
eingetrocknete Rotze um die Nase und schaute
mich mit riesigen wunderschönen Augen flehend
an. Sie bettelt auf der Strasse. Ich war überfordert
und zerrissen.
1950 wurde das friedliche und unabhängige Tibet
aus rein strategischen und machthungrigen Beweg-
gründen gewaltvoll von China annektiert. Seither
wird das tibetische Folk systematisch unterdrückt
und jeglicher Perspektive beraubt.
Dafür wieso ich mit 4 Jahren im Sandkasten spielen
durfte und dieses Mädchen auf der Strasse lebt, gibt
es keine Rechtfertigung. Sie könnte das intelligen-
teste Kind und der liebevollste Mensch sein aber
das sie mal so frei wie ich um die Welt reisen kann,
mit der grössten Sorge in welchem Restaurant sie
essen möchte, ist nahezu unmöglich.
Wer setzt sich ein gegen solche Ungerechtigkeiten?
Wer übernimmt Verantwortung? Dazu angestiftet
wird man jedenfalls kaum, geschweige denn unter-
stützt. Für das Mädchen habe ich an jenem Abend
nichts getan. Ich war überfordert.
Sinn und Sinnlichkeit oder Lichtblick
Ein Grund mehr zu Reisen. Zwischen den Zeilen
meines wahrscheinlich deprimierendsten Welten-
tiefs und meiner Gelähmtheit. Um etwas bewirken
zu können, benötigen wir eine starken und hand-
lungsfähige Position.
Alles an unserer Stellung können wir nicht beein-
flussen aber unsere Psyche immerhin ein bisschen.
Und der tut Reisen hin und da sehr gut! Ferien ma-
chen halt. Ausspannen, entspannen, neues lernen,
reflektieren, sich inspirieren lassen und so weiter.
Einfach gesagt, zu leben.
Neben all den grossen schweren Themen die ich
mir hier vom Herzen geschrieben habe, ist es das
was ich von meiner Reise mitnehme. Ich nehme
mit, wie ich mit meinem Vater in eiskalten, men-
schenleeren Seen badete. Wie leicht sich Freund-
schaft anfühlen kann. Wie ein warmer Regenschau-
er im Park den Pausenknopf drückte und Romina
und mir einen ewigen Augenblick schenkte. Wie in
guter Gesellschaft alles lustiger ist und ich nehme
mit wie nahe wir Menschen uns doch eigentlich alle
sind.
Ich bin unglaublich dankbar für all das was ich erle-
ben durfte. Ja wir können nicht unendlich geben
aber wir sollten auch nicht unendlich nehmen.
Also lueged mer uf euis, lueged mer ufenand und
lueged mer nöd weg!
IN 113 TAGEN UM DIE WELT